Ein Straßenköter im Aufbruch - Im Interview mit Mirjana Petricevic

Heute möchte ich euch einen sehr interessanten Menschen vorstellen: Mirjana Petricevic

 

Mirjana hat eine sehr interessante Biografie. Ausgebildet in klassischem Gesang und Körpertheater.

Hat viele unterschiedliche Ausbildungen und Tätigkeiten hinter sich. Arbeitet heute im Bereich Seminare und Kurse. Ist Künstlerin. Mirjana ist Grenzgänger zwischen den Welten und Kulturen. Spaltet die Menschen mit ihrer Haltung und Aussagen.

 

Somit für Mutbefreier die perfekte Gesprächspartnerin. Viel Spaß!


Mirjana, auf deiner Homepage schreibst du, es ist jedes mal ein Albtraum für dich, die Frage zu beantworten, wer du bist. Dann lass uns mit genau dieser Frage einsteigen: wer bist du?

Danke, dass du mich auf meinen Worten festnagelst, Oli. Warum empfinde ich diese Frage als Albtraum? Wenn ich um mich schaue, sowohl im virtuellen als auch im analogen Raum, so wird in meinen Augen der Mensch oft auf seine Funktion und seine Karriere, also seine Errungenschaften reduziert. Menschen identifizieren sich mit dem, was sie tun. Oder mit dem, was sie besitzen. Und tragen dann genau das nach außen. Wer bist du? Was machst du so? Und schon wird der wahre oder auch erträumte Lebenslauf aufgeblättert. Ich sage bewusst « erträumte », da so manches gerne in ein besseres Licht geschoben wird, als es tatsächlich ist. Oder Menschen kommunizieren auch gerne mit dem, was sie dann mal sein wollen, sozusagen als self-fullfilling prophecy. Mich interessiert das herzlich wenig. 

 

Wer bin ich? Ich bin Mensch. Und ich lebe. 

 

Das ist womöglich nicht die Antwort, die du haben wolltest…

 

Trotzdem hier ein paar Infos, die mein weiteres Schreiben verständlicher machen: Ich bin als jugoslawisches Gastarbeiterkind in Deutschland geboren, Jahrgang 1971. Mit 20 begann ich eine klassische Gesangsausbildung in Stuttgart. Mit 22 ging ich ins Tessin und absolvierte eine dreijährige Ausbildung in Körpertheater. Mit 25 zog ich nach Frankreich, schwanger. Ich habe zwei erwachsene Söhne. Geheiratet und mit 30 geschieden. Meine Arbeit in Frankreich drehte sich hauptsächlich ums Theater (als Schauspieler und Lehrer) und war meist sozial engagiert.

 

So war ich beispielsweise einige Jahre Krankenhausclown. Auch habe ich zehn Jahre schwangere Frauen durch eine spezielle Stimmarbeit auf die Geburt vorbereitet. Oder drei Jahre im Alltag mit schwer autistischen Menschen gelebt. Seit 2018 bin ich selbstständig und mache Menschen- und Ausdrucksarbeit im deutschsprachigen Raum. Parallel dazu habe ich 2017 meine Gesellenprüfung als Tischler abgelegt, einen Van ausgebaut und bis Juni 2020 als Nomade gelebt. Jetzt bin ich zu meinen Wurzeln zurückgekehrt, lebe im Nachbardorf der Kindheit meiner Eltern und baue dort mit meinem Mann ein kleines Haus und einen Permakulturgarten. Selbstversorgung ist unser Ziel.

 

So habe ich einen eher bunten Lebensweg, mit ein Grund, warum ich mich nicht mit einzelnen Etappen daraus identifiziere. Deshalb ja, ich bin ein Mensch, der lebt. Leben lebt.

Wir haben uns beide über die Ausbildung zum Psychologischen Berater*In kennengelernt. Was war der Grund für dich diese Ausbildung zu absolvieren? Was hast du daraus gemacht bzw. was hat dir die Ausbildung gebracht?

Ich muss zuerst sagen, warum ich diese Ausbildung überhaupt machte. Ich war auf der Suche nach Legitimation. Ich lebte damals seit vielen Jahren in Frankreich und wollte wieder im deutschsprachigen Raum arbeiten. Dieser Wunsch hing mit meinem persönlichen Lebensweg zusammen, ich hatte Sehnsucht nach der deutschen Sprache. Ich arbeite mit Menschen an ihrem Ausdruck. Beispielsweise an der Stimme. Für mich ist unsere Stimme der Spiegel unserer Seele. Klingt jetzt schön esoterisch, ist aber äußerst bodenständig gedacht. Und gelebt.

 

Von Frankreich aus musste ich mir erst über Jahre ein deutschsprachiges Netzwerk aufbauen und ich hatte damals nicht genug Selbstvertrauen, um meine Arbeit einfach anzubieten. Auch aus oben genanntem Grund: Menschen blicken auf Diplome, Auszeichnungen, Titel etc. und nicht auf die Qualität der Arbeit an sich. Insbesondere deutsche Menschen. Also dachte ich, ich brauche Legitimation, um mit Menschen außerhalb der Theaterwelt arbeiten zu können. Und so machte ich diese Ausbildung. 

 

Was hat sie mir gebracht? Ich konnte feststellen, dass meine Suche nach Legitimation unnötig war. Das was ich inhaltlich in professioneller Sprache lernte, hatte ich durch mein konkretes Leben schon längst integriert. Eine gute Herausforderung war, eine Abschlussarbeit zu schreiben. So habe ich im Zuge dessen zum ersten Mal meine Arbeit mit Menschen erklärt. Das war ein guter Prozess. 

 

Auf meine Menschenarbeit hat diese Ausbildung keinerlei Einfluss. Ich arbeite mit meiner Erfahrung, nicht mit einem Diplom. Und auch nicht mit einer Methode, sondern mit Menschen. Also das gesamte geläufige System passt nicht zu mir und meinem Werk.

Du trägst viele Kulturen in dir. Hast in vielen Kulturen gelebt. Welche Kultur ist dir am nähesten? Wo liegen für dich die Unterschiede, provozierend gefragt: als welche Nationalität siehst du dich?

In Deutschland war ich Ausländer. 

In Frankreich war ich die Deutsche. 

In Kroatien bin ich die Französin. 

 

Ich nehme meine drei Jahre in der Schweiz heraus. Sie waren wichtig, auch weil ich meine Ausbildung auf italienisch gemacht habe und Sprache ein grundlegendes Thema in meinem Leben ist. Doch die drei Wesenszüge, die ich in mir vereine sind germanisch, romanisch und slawisch. 

 

Diese drei Kulturen zu differenzieren, würde den Rahmen hier sprengen. Ich kann dir sagen, wie ich in mir selbst diese Kulturen zuordne und was sie mir bringen. 

 

Mein deutscher Anteil, also meine deutsche Sozialisation bringt mir Struktur und Organisation. Als junger Mensch erlebte ich das eher als starr und eng, bis ich lernte, alles zu nutzen. 

 

Das gehört generell zu meinem Welt- oder Menschenbild. Ich trenne nicht auf in gut und schlecht, in positiv und negativ. Ich versuche, die Medaille an sich wahrzunehmen und zu benennen. Dass sie dann zwei Seiten hat, ist normal. Sie braucht beide Seiten (also die sogenannte positive und negative), um ganz zu sein. 

 

Mein französischer Anteil ist der, der flexibel und tänzelnd ist. Konkret kam ich von der deutschen strengen Struktur ins französisch unklare Chaos. Mich hat Frankreich wendig gemacht. Wenn es frontal nicht geht, dann lohnt es sich, flexibel zu sein und von einer anderen Seite zu kommen. Wichtig ist gewiss auch, dass ich auf französisch Mutter bin. Auch Partnerin bin ich auf französisch. Das sind meine tief liebenden Rollen und sie beeinflussen natürlich meinen französischen Anteil.

 

Mein deutscher Part ist da wesentlich pragmatischer.

 

Tja, und dann ist da noch der Balkan. Eine dritte Energie, die ich selbst als roh, direkt, auch primitiv empfinde. Wieder möchte ich klarstellen, dass ich weder auf- noch abwerte. Primitiv ist somit nicht negativ gemeint, lediglich benennend. Ich klammere meine animalische Natur nicht aus, im Gegenteil. Ich halte unsere animalische Natur im Menschsein für wertvoll. Ich arbeite auch damit. Der Balkan in mir ist dieser Ausdruck. Das ist meine Wildheit, mein kompromissloses Selbstverständnis, also auch die Seite, der es egal ist, was Andere von mir denken. 

 

Die Kombi macht es für mich. Ich bin für jede meiner Seiten dankbar. Ich musste lernen, sie zu erkennen und zu zügeln. Ich weiss um ihre Kräfte und Schwächen und damit jongliere ich, je nachdem, wie ich es brauche. 

 

Hat es mir ein Land besonders angetan? Nein. Ich lebe die Erfahrung eines jeden Landes. Jedes Land bringt eine neue Sprache mit sich, eine andere Mentalität und somit für mich selbst eine Entwicklungsmöglichkeit. Wieder mit Gutem und Schlechten, Leichtem und Schweren, Positiven und Negativen. Dem stelle ich mich ohne große romantische Verklärung. 

 

Ich würde auch gerne noch in weiteren Länder leben, diese Erfahrungen bereichern. Nur möchte ich gerne Land bebauen und das kann ich nicht mitnehmen. Deshalb jetzt die Entscheidung zur Sesshaftigkeit.

Wie gehst du mit Veränderung um? Wenn gemachte Pläne nicht eingehalten werden können?

Leben ist für mich stete Veränderung. Ich musste früh begreifen, dass Sicherheit und Stabilität Illusion sind. Das war zwar ein schmerzhafter Erfahrungsprozess, aber eine befreiende Erkenntnis. 

 

Ich habe nicht immer auf mein Herz gehört. Und das ist auch gut so. Ich brauchte die Erfahrung des Zwanges, des Angepasst-sein-Wollens. Um jeden Preis mit schwimmen. Legitimation - das Thema habe ich ja bereits oben angesprochen.

 

Ich habe mich unterwegs immer wieder aufgegeben. Vergessen. Verleugnet. Ich wollte auch mein Leben mit Mitte 30 beenden, so weit bin ich den Weg der Selbstaufgabe gegangen. Ich war mir nichts mehr wert. Ich war es mir nicht wert, gelebt zu werden. 

 

Ich musste mir meine Integrität langsam wieder zurück erkämpfen. Meine Selbstliebe finden. Zu mir stehen. Mir Rückhalt sein. Das ist auch heute noch stete Arbeit an mir. Es fällt mir inzwischen leichter, jedoch bin ich da nicht vollendet. Und ich glaube auch nicht an Vollendung, nur an den Weg. 

 

Meine lebensverändernden Entscheidungen entstehen aus Dringlichkeit. Dringlichkeit ist für mich der Augenblick, wenn wir unserer Endlichkeit bewusst werden. Was ist mir wirklich wichtig? Was möchte ich wirklich leben? Wir haben die Chance, uns in diesem Leben ausprobieren zu können. Wir leben in Breitengraden, die uns ein freies selbstbestimmtes Leben möglich machen. 

 

Mein zweiter Motor ist Verantwortung. Wenn ich anerkenne, dass mein Leben endlich ist, so ist die Konsequenz, dass ich Verantwortung für mich übernehme. 

« Worauf wartest du, Mensch? » 

Diese Frage entlarvt so ziemlich alle Ausreden in uns. Einmal entlarvt ist es viel einfacher, Entscheidungen zu treffen.

Zum Leben gehören Rückschläge und Scheitern. Wie siehst du das?

Ja, zum Leben gehören Rückschläge und Scheitern. In meinem Weltbild ist das aber nichts dramatisches. Es gehört einfach dazu. Ich habe Mühe, dass Scheitern in unserer Gesellschaft automatisch negativ belegt wird. Das muss es nicht sein. 

 

Wie ich oben schrieb, ich komme aus dem Theater. Ich habe lange Jahre als Clown gearbeitet. Ich mag das Wort « Clown » nicht und werde deshalb vom « Narren » sprechen. Der Narr ist eine wunderbare Figur. Er lebt stetes Scheitern. Er steht ganz unten in der Hierarchie und kann somit nicht tiefer fallen. Dieses Wissen ist innerlich sehr hilfreich. 

 

Der Narr träumt natürlich ohne Ende und möchte Wunder-was sein. Doch er scheitert. Immer. Er landet immer wieder in der Misere seiner Realität. So ist es einfach. Das ist die Regel. 

 

Das Publikum lacht einerseits über die ausweglosen Situationen und die Komik. Doch auf psychologischer Ebene lacht es aus Erleichterung, denn der Narr lebt, was der Zuschauer selbst nicht leben möchte. « Puh! Glück gehabt!

 

Dieser Kelch ist an mir vorüber gezogen, deshalb kann ich lachen. » 

 

Der Narr ist fester Bestandteil meines Lebens. Ein weiterer Anteil sozusagen, den ich integriert habe. Durch den Narren in mir gibt es kein Scheitern, alles ist nur Erfahrung.

 

Das Scheitern ist als Narr das inspirierendste Thema überhaupt. Das Publikum lacht, wenn der Narr scheitert. Nicht, wenn er Erfolg hat. Ich habe durch den Narren gelernt, die Kraft und das Potential im Scheitern zu sehen.

“Alles ist nur Erfahrung”. Sehe ich genauso. Andre Frage, ich glaube, dass du hier eine eigene Einstellung hast. Wie siehst du die derzeitige Lage, dass immer mehr Menschen “learnings” möchten?

Ich muss lachen. Ich kann mit dem Wort « learnings » nichts anfangen. Ich habe keine speziellen « learnings ». Ich lerne immer. Und alles ist gleich wertvoll.

Ich habe genau mit solch einer Antwort gerechnet :-). Im Coaching wird oft von “Erfolg” gesprochen. Was verbindest du mit dem Begriff “Erfolg"?

Ja, der Erfolg… Dieses Wort reihe ich in die Welt ein, die so funktioniert, wie ich in Frage 1 beschrieben habe. Dieses Fragen nach dem, was wir erreicht haben in unserem Leben… Wer wir sind, womit wir uns schmücken können… 

 

Ich stehe nicht unter diesem kollektiven Druck. Oder ich reihe mich nicht ein in dieses Spielchen von Status und Wichtigkeit. 

 

Ich benutze tatsächlich nahezu nie dieses Wort. Zu belegt. Zu sinnentleert. Wenn ich auf mein Leben blicke und mir die Frage nach Erfolg stelle, dann könnte ich sagen: ich lebe, was ich leben möchte und wie ich leben möchte, das ist viel Wert. Ich freue mich an meinem Leben.

 

Ok, manchmal kotze ich natürlich und bin zutiefst angepisst. Jetzt bloß nicht denken, ich schwebe auf Wolke 7. Das tue ich nicht. Aber ich gehe mein Leben an. Immer wieder. Immer weiter. Ich lebe so, dass ich in meinem Sterben sagen kann: ja, ich habe gelebt! 

 

Nennt man sowas gemeinhin Erfolg? Für mich wäre es das.

Ich glaube, dass jeder Mensch Erfolg für sich selbst definieren sollte. Sonst setzt man sich zu sehr unter Druck. Man setzt sich persönliche Ziele, und möchte diese erreichen. Hat man das sich selbst gesteckte Ziel erreicht, ist man erfolgreich, denke ich. Egal ob andere das Ziel wichtig oder unwichtig betiteln.

Kommen wir daher zu einem weiteren “Erfolg” von dir. Du hast einen Van ausgebaut und bist einige Zeit mit diesem durch verschiedene Länder gefahren und hast bzw. machst es noch, darin gewohnt. Was war der Auslöser dieses “freie Leben” zu leben?

Die Idee vom freien Leben… Spannend, dass viele Menschen diesen Gedanken haben, wenn sie an den Van denken. Ich bin in den Van gezogen, um etwas zu lernen. Ich bin ein Stubenhocker und sehr gerne sehr viel alleine. Ich liebe Zurückgezogenheit. Und ich wollte aus meiner Höhle ausbrechen, mich dem Leben im Draußen konkret stellen. Ich weiß nicht, ob ich Freiheit empfand. Der Van war radikale Selbstkonfrontation ohne Fluchtmöglichkeit. Ist das Freiheit? 

 

Ich war zweieinhalb Jahre ohne festen Wohnsitz. Ich war nicht ununterbrochen im Van unterwegs. Die Wintermonate habe ich in Südfrankreich bei meinem Partner verbracht. Doch ich war viel in Bewegung in dieser Zeit. Ich erlebte mich in der materiellen Reduktion. Ich wurde auf meine Grundbedürfnisse zurückgeworfen. Ich lebte mit der Straße und das wandelte mich. Diese Jahre waren meine Straßenköter Zeit. Ich war Straßenköter. Und somit unten in der Hierarchie. Ich hatte nichts zu verlieren. Und ja, das ist dann Freiheit. Nur wenn wir nichts zu verlieren haben, nur wenn wir uns an nichts mehr anhaften, nur wenn wir jederzeit loslassen können, können wir einen Hauch von Freiheit erleben.

Alleine als Frau zu reisen, kann sehr gefährlich sein. Gab es Momente, in denen du dich unsicher gefühlt hast?

Straßenköter Dasein als Frau… Ist das gefährlich? Ich weiß nicht, ob mein Geschlecht dabei eine Rolle spielt. Klar haben sich viele Menschen gewundert, dass ich als Frau alleine unterwegs bin. Das war untypisch. Aber ist untypisch auch gefährlich? Mit meinen Ängsten musste ich mich eh auseinandersetzen. In einem Van geht das nicht anders, wie gehabt, radikale Selbstkonfrontation. Sind meine Ängste geschlechtsabhängig? Ich glaube nicht. Ich musste lernen, Vertrauen zu haben, um schlafen zu können. Und ja, es gab Nächte, da versuchten Fremde in den Van einzusteigen. Und ja, ich bin fast gestorben vor Angst und erlebte mich in meiner Hilflosigkeit. Aber dazu diente das Experiment schlussendlich ja. Der Van war nur ein Mittel zur Selbsterfahrung.

Was würdest du sagen, für wen das Vanleben nicht geeignet ist?

Für wen Vanleben nichts ist? Mmmmh. Es ist ein einfaches Leben. Luxusbefreit. Meine Toilette war ein Eimer. Gewaschen habe ich mich mit dem Waschlappen und bei schönem Wetter draußen mit meiner Campingdusche zum Selbst Pumpen. Lebensraum 6 qm. Klar, draußen ist die Welt, doch wenn es regnet sind es 6 qm. Mitmenschen reagieren polarisierend. Entweder sie finden dieses Leben lässig oder sie denken « Abschaum » und zeigen dies auch. Also, Vanleben hat wenig mit dem zu tun, was auf Instagram als Van Life verklickert wird. Diese romantisch verklärten Momente gibt es natürlich auch. Auch. Wer das Leben in seiner rauen Rohheit nehmen kann, der kann auch im Van leben. Wer Glitzer und Zuckerschaum braucht, bleibt lieber zuhause.

Mirjana, anderes Thema. Uns als Freiberufler hat Corona schwer erwischt. Du gibst auch Seminare und Kurse, arbeitest mit und an den Menschen. Was hat sich für dich und deine Arbeit durch Corona verändert?

Heute ist der 24.8., während ich dir hier schreibe. Es ist Montag. Letzte Woche von Mittwoch bis Samstag fand mein erster Basiskurs nach Corona statt. Mitte Juni hatte ich bereits einen Fleischlebenkurs, das war aber meine Jahresgruppe, also Menschen, die sich für ein ganzes Jahr miteinander engagiert haben. Der Basiskurs ist der Einsteigerkurs in meine Fleischlebenarbeit. 

 

Fleischleben nenne ich den analogen Raum. Dort, wo sich Menschen noch in Fleisch und Blut treffen. 

 

Ich habe also meine Arbeit wieder aufgenommen, doch ich gebe zu, dass ich vor diesem Basiskurs grosse Bedenken hatte. Meine Arbeit mit Menschen ist intensive Bewusstseinsarbeit, die auf dem Körper und der Stimme basiert. Wir kommen uns als Gruppe im Arbeitsraum auch körperlich sehr nahe. Mir war jedoch klar, dass ich niemandem Körperkontakt aufzwingen kann. Das kann ich eh nie, nur sind heute die Grenzen eben ganz anders. Schon eine eigentlich ganz normale Berührung wie ein begrüssender Handschlag ist heute nicht mehr belanglos. 

 

Die Menschen waren alle offen und bereit und nicht berührungsscheu. Und vielleicht hat Corona sogar dazu beigetragen, dass wir alle diese Nähe besonders zu schätzen wussten. 

 

Ich selbst hatte Zweifel vor diesem Kurs, ob ich meine Live-Arbeit überhaupt weiterführen möchte. Ich möchte keine Distanz in diese Arbeit bringen. Entweder ich mache sie so, wie ich sie für richtig halte und zu schätzen weiß, oder ich mache sie nicht. Ich war in diesem speziellen Basiskurs kompromissbereit, da er eigentlich Mitte März stattfinden sollte, und durch den Lockdown verschoben werden musste. Mir war klar, dass es vielleicht Teilnehmer gibt, die sich aufgrund des Lockdowns nicht mehr zu meiner Arbeit angemeldet hätten. 

Du hast auch einen Online-Kurs. Entstand die Idee hierzu durch die Corona Einschränkungen?

Mein Online-Kurs war keine Corona-Reaktion. Ich hatte ihn bereits 2019 im Sommer konzipiert und den Winter über daran gearbeitet. Er sollte Anfang Juni 2020 starten und durch den Lockdown habe ich drei zusätzliche Module erschaffen und den Kurs bereits Ende April anlaufen lassen. Die Frauen waren sehr dankbar dafür, sich durch den Kurs in einem geschützten kreativen virtuellen Raum zusammen zu finden, gerade weil durch Corona jede Gemeinschaft im Fleischleben blockiert war. 

 

Ich habe selbst bereits an vielen Online-Kursen teilgenommen. Viele im kreativen Bereich und somit immer in englischer Sprache. Ich hatte schon lange Lust darauf, meinen eigenen Online-Kurs aufzubauen. Die « Wilden Weiber » sind mein Prototyp. Der Kurs geht über 6 Monate mit 12 Modulen, die jeweils zu Neu- und Vollmond zugänglich gemacht werden. Jedes Modul beinhaltet Texte, Fotos und Videos zu einem Thema. Zusätzlich sind alle Teilnehmerinnen in einer geheimen Facebook Gruppe, über die ich wie ein Drache wache. Dort werden die jeweiligen Werke gepostet und die Prozesse durchgesprochen.

 

Ich wache wie ein Drache… Mir war klar, dass ich auch online den Raum der Entwicklung halten würde. Ich hatte aber vor der Erfahrung des Online-Formats keine Idee, wie das konkret aussehen würde. Ich beobachte viel und nehme Stimmungen gut wahr. Das kommt mir auch online zugute. Ich hatte geplant, 3 - 5 Live-Videos in diesem Kurs zu drehen. Wir haben noch vier Module vor uns und ich habe bereits 21 Live-Videos gedreht.

 

Viele der Videos sind der Gruppendynamik gewidmet, also wie individuelle Haltungen auf Gruppenprozesse Einfluss nehmen. Da wir alle sämtliche Haltungen unbewusst in uns tragen, betrifft immer alles alle. Jeder kann sich beispielsweise etwas mitnehmen, wenn ich ein Video über Drama mache. Wir hingen und hängen alle immer mal wieder im Drama fest. Ich habe also aufkommendes Drama bei Teilnehmern als Anlass genommen, dieses Thema zu durchleuchten. So handhabe ich das mit den verschiedensten Themen und durch die Offenheit und Bereitschaft in der Gruppe ist sehr schnell ein tiefe ehrliche Kommunikation entstanden.

 

Nicht nur mit mir, sondern auch unter den Teilnehmern. Ich kann heute sagen, dass es möglich ist, online wirklich in Tiefe und Verbundenheit zu gehen. Ja, ich erreiche Menschen, jedenfalls all diejenigen, die erreicht werden wollen. Doch dasselbe gilt eh auch im Fleischleben. Ich kann niemanden erreichen, der nicht erreicht werden will. Da ist es ganz egal, ob ich leiblich vor ihm stehe oder von einem Bildschirm getrennt bin. 

Dein Kurs richtet sich an Frauen. Hast du auch Kurse für Männer bzw. dürfen Männer mitmachen? Nehmen Männer die Kurse nicht so an? Wie ist deine Erfahrung?

Meine Arbeit macht generell keinen Unterschied zwischen Mann und Frau. Fakt ist, dass sich zu meinen Fleischlebenkursen in erster Linie Frauen anmelden. Ich hatte zwar meist einen Quotenmann mit in den Gruppen, doch leider waren die Gruppen nie wirklich gemischt. In Frankreich habe ich in erster Linie in Theaterschulen gelehrt. Dort hatte ich immer gemischte Gruppen. So hatte ich mir das eigentlich auch in meiner Selbstständigkeit vorgestellt. Ich war in der Illusion. Ich habe 2020 beschlossen, mich dann eben ganz klar den Frauen zuzuwenden. Es ist ein Experiment. Meine Entscheidungen wandeln sich, so wie das Leben auch. 

 

In meinem Online-Kurs « Wilde Weiber » gehe ich natürlich bewusst weibliche Themen an. Wir ergründen unsere Körperlichkeit als Frau, unsere Rolle als Tochter und eventuell als Mutter. 

 

Wir arbeiten mit weiblichen Archetypen und beleuchten die Stellung der Frau in unserer Gesellschaft. Meine Entscheidung, hier ausschließlich mit Frauen zu arbeiten, hat natürlich eine Konsequenz auf die Arbeitsthemen.

 

Was ich sehr schätze, ist die wohlwollende Gruppenenergie, die unter den Frauen wach wurde. Die Stärke des weiblichen Kollektivs. Ich glaube, unsere Gesellschaft braucht dringend bewusste und starke Frauen. Wir brauchen ein Umdenken in weibliche Strukturen. Wie ich weiter oben schon sagte: weg vom Status- und Erfolgsdenken, weg von der Übergewichtung von Resultat und Zielen.

 

Wir brauchen Geschmeidigkeit in unserem Umgang mit dem Leben. Wir brauchen Wandlungsfähigkeit. Das sind für mich eher weibliche Attribute. Wieder, es gibt kein besser oder schlechter. Wir haben bisher eben hauptsächlich männlich orientiert gelebt und jetzt gilt es, der weiblichen Lebensenergie mehr Platz einzuräumen.

Mirjana, zum Abschluss, wo kann man dich im Internet finden? Und gibt es etwas, was du den Menschen mit auf den Weg geben möchtest?

Ich habe eine Webseite unter: www.im-aufbruch.com 

Ansonsten bin ich auf Facebook unter meinem Namen zu finden: https://www.facebook.com/mirjana.petricevic.1 

Und auf Instagram unter Mimi Mauritz: https://www.instagram.com/mimimauritz/

 

« Begegnung. Mut. Menschlichkeit. » 

Diese drei Punkte hängen in meinen Augen eng zusammen. Wenn ich den Mut finde, mich und meine Menschlichkeit zum ungefilterten Ausdruck zu bringen, findet unweigerlich Begegnung statt. »

 

Das schreibe ich auf meiner Webseite. Ich glaube, unsere Welt braucht mehr Menschlichkeit. Gerade jetzt, in diesen verwirrenden Zeiten wird dies sehr deutlich. Distanz lässt uns verarmen. Der Mensch braucht Gemeinschaft. Und das sagt eine bekennende Einsiedlerin. Ich wünsche den Menschen, dass sie ihre Masken fallen lassen. Nicht nur die Corona Masken. Sondern vor allem ihre gesellschaftlichen Masken. 

 

Ich wünsche ihnen, dass sie erfahren, dass sie in Ordnung sind, so wie sie sind und nicht irgendeinem Bild oder einer Idee von sich selbst nachjagen müssen. Wenn wir alle diesbezüglich entspannter werden, dann wird unser Miteinander umso lebendiger. Das wünsche ich den anderen Menschen und das wünsche ich auch mir selbst. 

Mirjana, ich sage vielen Dank für deine Zeit und deine tollen Antworten und Aussagen. Ich bin mir 100% sicher, dass viele Menschen darüber nachdenken werden. Und, das letzte Wort gehört dir.

Mein letztes Wort: Puh, es ist viel gesagt. Und auch genug. 

 

Ich möchte dir danken, werter Oli, dass du mich zu diesem Interview eingeladen hast. Ich falle in vielem aus dem Rahmen und bin somit oftmals nicht der gewünschte Gesprächspartner. Und das schätze ich nunmal auch an dir: du fällst aus dem Rahmen.

Für mich ist das pure Bereicherung. Es gibt die Welt neben den gewöhnlichen Schienen. Und sie ist so bunt, reich und vielfältig. 

 

Danke für dein provozierendes Fragen und für dein Interesse. Ich wünsche dir viel Erfolg für dein mutmachendes Projekt.

 

Jetzt muss ich lachen. Tja, was bedeutet denn Erfolg für dich? 

 

Herzliche Grüsse, mirjana —-

Ein großer Dank nochmal von mir an Mirjana. Ich bin mir sicher, dass sich unsere Wege auch in Zukunft kreuzen werden. Wir kennen uns seit 2013. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass es in Zukunft vielleicht einmal ein gemeinsames Projekt von uns geben wird😉  

 

Denkt immer daran. Ihr seid einzigartig. Egal was andere sagen: Du bist richtig, so wie du bist. Der Oli.

Im Januar 2021 startet der zweite Durchlauf von Mirjanas Online-Kurs « Wilde Weiber 2021 ». 

Der Vorverkauf mit Vorzugspreisen läuft gerade. Hier geht es zur Ausschreibung: http://www.im-aufbruch.com/index.php/wilde-weiber-2/

(Copyright aller Fotos von Mirjana liegen bei Mirjana Petricevic)